Liebe Leserin, lieber Leser,

normalerweise beginnt ein Vorwort nicht mit einem Rückblick, aber in dieser Ausgabe soll er dennoch am Anfang stehen. In erster Linie interessiert mich die Frage:

  • Was bleibt nach diesem Reformationsjubiläums- und Gedenkjahr?
  • Woran werden Sie sich erinnern – und gern erinnern?
  • An die feierliche Eröffnung am 31.10.2016 durch Vertreter/innen des Lutherischen Weltbundes und Papst Franziskus im schwedischen Lund?
  • An den großen Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg?
  • An die zentrale Feier auf dem Münchner Odeons-platz im Juni?
  • An manche kleine oder größere besondere Veranstaltung vor Ort in Ihrer Kirchengemeinde und Region?

Zu nennen wären da einige:
In der Friedenskirche etwa wurde den Leuten „Auf’s Maul geschaut“ an einem Lutherabend mit Kabarett von und mit dem evangelischen Theologen PD Dr. Alf Christophersen (Wittenberg). In der Korneliuskirche stand die Familie Cranach im Fokus und ihr nicht wegzudenkender Beitrag zur Reformation bei der Veranstaltung: Lukas Cranach – Vater und Sohn Bildreporter der Reformation. Ein Abend mit Bildern aus einer umwälzenden Zeit. Ob sich „Gerechtigkeit im Liegestuhl“ wohl verwirk-lichen lässt, darüber dachte der Publizist Georg Magirius in der Gnadenkirche nach – untermalt wurde die Lesung vom furiosen Harfenspiel Bettina Lincks. Im Jochen-Klepper-Haus gab es „Luther für Neu-gierige“, um nur einige besondere Veranstaltungen zu nennen.

Ein besonderes Jahr war es für die Versöhnungs-kirche in der KZ-Gedenkstätte: Am 30. April feierte sie ihr 50-jähriges Bestehen und nahm dies zum Anlass, immer wieder zu fragen, was die für uns wichtigen und richtigen Lehren aus der NS-Vergangenheit sind. Viele eindrückliche Veranstal-tungen erinnerten in besonderer Weise an die Kostbarkeit von Freiheit und Würde des Menschen.

Welche Impulse für Ihr Leben, für Ihren Glauben, für Ihr Denken und Handeln haben Sie aus den zahlreichen Veranstaltungen dieses Jahr mitge-nommen? War Ihnen der ganze „Luther-Hype“ irgendwann zu viel? Oder ging das alles sogar ganz an Ihnen vor-bei – obwohl man sich dem Luther-Gedenken zu-mindest in Deutschland, aber auch weltweit, im zu-rückliegenden Jahr kaum entziehen konnte! Um Personenkult sollte es nicht gehen. Vielmehr sollte die Person Christi ganz ins Zentrum gerückt werden. „Solus christus“ – allein in Christus finden wir Heil, Seelenfrieden, Hoffnung, Gegenwart und Zukunft – so die zentrale Botschaft der Reformation. Darin sind sich inzwischen alle christlichen Konfessionen einig, darum wurden auch viele (ökumenische) Christusfeste gefeiert.

Und – war es das jetzt? Für mich bleibt die Frage: Was an diesem Gedan-ken ist wirklich relevant für mich und mein Leben? Für die Gesellschaft und die Welt, in der wir leben?

Was wird nach dem 31. Oktober 2017 bleiben? Wie nachhaltig wird das Nachdenken über und das Feiern der Reformation sein? Ich möchte es mit den Worten des Theologen und Schriftstellers Kurt Marti auf den Punkt bringen, der vor rund 35 Jahren gesagt hat:

„Jesus hat gelebt und gewirkt für eine Welt ohne Angst. … Und tatsächlich ist Jesus kein Angstma-cher geworden, er hat auch Gott nicht als den gro-ßen Angstmacher verkündet, im Gegenteil, er hat den Geängstigten die Angst genommen. Gerade dadurch ist er in Konflikt geraten mit der traditionel-len Religion, die immer auch eine Religion der Angst war und es unter christlichen Vorzeichen stets wieder geworden ist, denn die Herrschenden brauchen zu allen Zeiten einen Angstmacher-Gott, damit die Menschen sich ducken. Jesus hat Gott als Liebe verkündet und den Geduckten Befreiung gepredigt, sie den ‚aufrechten Gang‘ (Ernst Bloch) gelehrt. Das von ihm angesagte Reich Gottes ist vollends eine Welt ohne Angst. … Diese Lebens- und Sterbens-Aussage Jesu steht im Widerspruch zu unserer Welt, die eine Angst-Welt ist, immer noch.“ (zit. nach: Kurt Marti, Für eine Welt ohne Angst, Hamburg 1981, S. 10f.)

„Jesus hat gelebt und gewirkt für eine Welt ohne Angst.“ Das ist für mich eine der Kernaussagen reformatorischer Theologie im ausgehenden Mittelalter ge-nauso wie im 3. Jahrtausend nach Christi Geburt: Jede/r, der sich nach diesem Christus benennt, hat in der Nachfolge Jesu einzutreten für eine Welt oh-ne Angst und wird sich daran messen lassen müs-sen. Friedenskirche, Gnadenkirche, Korneliuskirche, Kirchengemeinde Kemmoden-Petershausen und Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte möchten mit ihren Bildungsangeboten einen Bei-trag leisten zu einer solchen „Welt ohne Angst“.

Wir danken allen Haupt- und Ehrenamtlichen, die zu diesem Programm beigetragen haben! Ein herz-licher Dank an Frau Karin Kunze, die sich in wun-derbarer Weise um das Programm und viele wich-tige Belange Evangelischer Bildungsarbeit in Dachau und im Landkreis kümmert.

Ich wünsche Ihnen einen anregenden Ausklang des Reformationsgedenkens und ein Gott-behütetes 2018!

Pfarrerin Ulrike Markert
Sprecherin des Evangelischen Podiums
im Landkreis Dachau

Posted by lowhuber On Februar - 28 - 2012